Ein Herzenswunsch geht für todkranken Uwe Ernsberger in Erfüllung

Was ist am Ende des Lebens noch wichtig? Und wie geht man mit dem nahenden Tod um? Für die meisten Menschen abstrakte Fragen, die sie gerne weit weg schieben. Für die Bewohner des Hospizes Arche Noah sind sie hingegen sehr konkret. Dr. Uwe Ernsberger ist einer von ihnen. Er weiß: Er wird bald sterben.  

 


Dr. Uwe Ernsberger lässt sich erklären, wie das mit dem Segelfliegen funktioniert, bevor er in die Lüfte steigt. Dr. Uwe Ernsberger lässt sich erklären, wie das mit dem Segelfliegen funktioniert, bevor er in die Lüfte steigt.


Der kleine Vogel hüpft auf seinen dünnen Beinchen über das schmale Wegstück. Für einen Moment verharrt er in der Sonne, zwitschert, sein Schwanz wippt, dann breitet er die Flügel aus und fliegt davon. „Das war ein Rotschwänzchen“, stellt Dr. Uwe Ernsberger fest. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. „Vögel haben mich schon immer fasziniert“, sagt der 56 Jahre alte Mann mit den grünen Augen und dem schmalen Gesicht, um das sich lichter werdende dunkle Locken ranken.

Das Rotschwänzchen bereitet sich jetzt im Sommer langsam auf den Herbst und Winter vor. Ob Ernsberger den Winter erlebt? Er weiß es nicht. „Ich habe keine Angst vor dem Tod“, sagt er nach einer Weile und schweigt für einen Moment. Nachdenklich schickt er nach: „Ich fürchte mich viel mehr vor dem, was vorher passieren könnte.“

Uwe Ernsberger hat Multiple Sklerose (MS). „Ich erinnere mich noch, als mein Chef zu mir kam, Freude strahlend und sagte: ,Gute Nachrichten Uwe, MS ist keine lebensverkürzende Krankheit.’ Aus heutiger Sicht weiß ich nicht so genau, ob das wirklich eine gute Nachricht ist.“ In der Tat sterbe wohl kaum jemand an MS. So wenig wie Menschen tatsächlich an Aids sterben. „Es sind die Begleitkrankheiten, die das Leben verkürzen.“ So auch im Fall von Uwe Ernsberger.

Zu den Schüben, die mit der MS-Erkrankung einhergehen, gesellen sich fortwährend Infekte, die ihm seine Kräfte rauben. Die Aussicht, den Rest seines Lebens vielleicht gelähmt in einem Bett zu liegen, nur noch die Augen bewegen zu können, sei für ihn beängstigender als der Tod selbst. Sein Blick schweift über den kurz geschnittenen Rasen und zurück. „Heute ist ein ganz guter Tag, gestern ging es mir sehr schlecht“, sagt er.

Erwartungen

Es ist ein heißer Sommertag und wir sitzen im Garten des Hospizes Arche Noah in Niederreifenberg. Uns trennen gerade einmal 15 Jahre. Eine Zeit, so lang wie von der Geburt bis zum Teenageralter. Eigentlich nicht lange, und doch mit Blick auf meine eigenen Erwartungen an das Leben eine Ewigkeit. „Als Kind lebt man in der Vorstellung, dass die Eltern ewig leben“, sagt er. Eine Erwartung, die sich nicht erfüllt, wie er schmerzlich erleben musste.

Nun blickt er dem eigenen Lebensende entgegen. In seinen Schilderungen schwingt weder Bitterkeit noch Traurigkeit mit. Schon gar nicht, wenn er über sein Lieblingsthema, die Arbeit, spricht. Als Neurowissenschaftler hat er sich mit ganzem Herzen der Forschung verschrieben. Seine Augen strahlen vor Begeisterung, als er von seiner Arbeit berichtet und der Schönheit des Wachstums von Zellen in einer Petrischale. „Das war eine unsagbar spannende Zeit.“ In seiner Stimme und dem Leuchten seiner Augen liegt all die Liebe, Kraft und Faszination, die er dieser Aufgabe viele Jahre lang geschenkt hat.

Als er seine Doktorarbeit an der Universität in München schrieb, bekam er die Nachricht, MS zu haben. Aufgehalten oder wesentlich eingeschränkt hat ihn das zunächst nicht.

Vor zehn Jahren musste er sich an einen Rollator gewöhnen, etwas später auch an einen Rollstuhl. Eine Zeit, in der er nach Frankfurt zog, um dort am Max-Planck-Institut zu arbeiten. Ein Wissenschaftler der Neurologie mit einer ebensolchen Krankheit.

Heilbar ist MS derzeit nicht. Medikamente halten die Symptome in Schach – einigermaßen zumindest. In den letzten Monaten und Jahren hat sich sein Zustand trotzdem stetig verschlechtert. Aus der Gehbehinderung wurde eine Lähmung, die nicht nur seine Beine erfasste. „Manchmal fällt es mir auch schwer, meine Gedanken richtig zusammenzuhalten“, sagt er und lacht.

Hilfe annehmen

Der vorbestimmte Weg im Verlauf der Krankheit ist düster. Schon jetzt kann er die Hände nicht mehr bewegen, ist bei allem auf Hilfe angewiesen. Hilfe ja, aber nicht von jedem. Schon als er noch zu Hause wohnte, „habe ich mich immer aufgeregt, wenn sie meinen Rollstuhl an den Möbeln angestoßen haben oder die Pflegeutensilien auf den Schreibtisch legten. Da arbeite ich doch“, lautet seine Begründung.

Wie er als Patient die Dinge wahrnimmt, hat auch Ute W. neue Sichtweisen eröffnet. Seit zehn Jahren ist die gelernte Krankenschwester die Frau an seiner Seite. Kennengelernt haben sie sich am Mainufer bei einem Stück Pizza. Schon damals brauchte Ernsberger einen Rollator. Abgeschreckt hat sie das nicht. „Er hat eine ganz faszinierende Persönlichkeit“, sagt sie und erzählt, wie sie ihre Telefonnummer bei ihm hinterlassen hat. Ernsberger blickt sie lange an. Der Blick der blonden Frau mit den blauen Augen ist gesenkt. „Sie ist meine Gefährtin, mein Schutzengel“, sagt er, und in seiner Stimme schwingen all die Liebe und der Respekt vor dieser starken, besonderen Beziehung mit, die er mit den Gefährten von Tolkiens Herr der Ringe vergleicht. Auch dort stirbt einer der Gefährten. „Freundin, das klingt viel zu banal“, begründet er.

Was angesichts des nahen Lebensendes wichtig ist? Beziehungen und ihre Art sind es. Den anderen zu halten, ohne ihn aufzuhalten. Das Wissen um das Sterben und sich von diesem Menschen nicht abzuwenden, sondern mitzugehen, so lange es möglich ist. Die Krankheit zehrt nicht nur an seinen Kräften, sondern auch an ihren. „Ich habe manchmal überlegt, dem ein Ende zu setzen, auch um sie nicht zu sehr zu belasten“, schildert er seine Gedanken.

Eine Träne rinnt über ihre Wange. Abwischen kann er sie nicht mehr. Die Zeit, in der das möglich war, ist vorbei. Vieles muss sie tun, stark sein, den eigenen Alltag bewältigen, arbeiten, einkaufen und sich um ihr Kind kümmern. Der Traurigkeit, die sie in sich spürt, kann sie sich nicht immer hingeben „denn ich muss auch noch den Alltag bewältigen“. Ihre Beziehung ist stark und keineswegs nur von Trauer geprägt. „Wir wollten immer mal in Frankreich wandern gehen“, erzählt sie. Pläne, die sie nicht mehr verwirklichen werden.

Was bleibt also auf der großen To-do-Liste des Lebens? Die Natur hat Ernsberger immer fasziniert. Die Vögel im Garten zu beobachten, ist jetzt eine seiner großen Freuden, obgleich der Tod allgegenwärtig ist. So manch anderer Besucher ist bereits nach kurzer Zeit verstorben. „Aber hier ist ein Ort, wo das seinen Platz hat und auch sein darf“, sagt er.

Seine Augen flattern ein wenig. Er schweigt und sein Blick wandert zu dem wolkenlosen blauen Himmel, wo die Segelflieger ihre Kreise ziehen. Fliegen, das stand auch auf der To-do-Liste von Ernsberger. Ein Wunsch, den er einmal laut in der Gegenwart eines Pflegers äußerte.

Wünsche

Das Besondere am Hospiz Arche Noah? Wünsche werden gehört. Und wenn möglich auch erhört. „Einfach war das nicht und es hat mich viele schlaflose Nächte gekostet“, sagt Heidelore Wehner, Geschäftsführerin des Hospizes, die von dem Wunsch erfahren hat. Das Problem waren nicht die Segelflieger, die sich gerne zu einem solchen Flug bereit erklärten, sondern die Tatsache, dass Ernsberger ohne Fallschirm fliegen musste, weil er ihn nicht hätte öffnen können. Auch Atemnot wäre möglich gewesen, Panik oder ein Anfall, bei dem ihm niemand hätte zu Hilfe kommen können. Weder die Pfleger noch der Pilot. Ein Risiko. Doch sollte der dem Herzenswunsch entgegenstehen?

„Es gibt für eine solche Entscheidung kein Aufschieben auf morgen mehr“, sagt Wehner. Trotz der Sorgen sollte der Wunsch erfüllt werden. „Die Nacht zuvor habe ich schon nicht mehr geschlafen“, erinnert sich Wehner. Und auch er sagt heute: „Ich war mir aller Gefahren bewusst.“ Deshalb habe er auch schriftlich erklärt, die Gefahr zu kennen, und gesagt, was im Notfall eben nicht mehr getan werden soll.

60 Minuten sollte der Flug dauern. Doch als der Pilot nach 60 Minuten noch immer außer Sichtweite ist, macht sich Panik beim Personal breit. Jede Minute schwillt die Angst.

Genießen

Die Angst, die schlimmsten Befürchtungen seien eingetreten. Von alldem bekommt Ernsberger in diesen Minuten nichts mit. Er segelt durch die Luft, kann alles vergessen und staunend beobachten, wie der Pilot die Thermik nutzt. Die Faszination ist so groß, dass er für Ernsberger ein paar extra Runden dreht. Noch einmal zwölf Minuten. Zwölf Minuten mehr Freiheit und Sorglosigkeit. Dem Himmel so nahe und vielleicht auch Gott schon ein Stück näher.

„Ich glaube an ein Leben nach dem Tod“, sagt er und schmunzelt ein wenig. Denn obgleich der Wissenschaftler in ihm allem penibel auf den Grund gehen will, „gibt es doch den Glauben und die Vorstellung von dem, was nach dem Tod kommt, was man nicht in Frage stellt und auch nicht wissenschaftlich erklären will“.

Der Tod ist im Hospiz allgegenwärtig und ein häufiger, freundlicher Gast. Schmerzen muss niemand erleiden. „Hier hat alles seinen Platz“, sagt Ernsberger. Das Leben und Sterben stehen gleichberechtigt nebeneinander.

Wie lange die Menschen im Hospiz bleiben, ist unterschiedlich. „Manche waren nur eine Nacht da“, sagt er. Andere, so wie er, sind schon seit ein paar Wochen Gast im Haus. „Es war traumhaft schön“, bringt Ernsberger sein Glücksgefühl schließlich auf den Punkt. Was zählt also, wenn man weiß, dass man bald sterben wird? „Jedem Tag Leben zu schenken.“

 

Den Original-Artikel finden Sie unter:
http://www.taunus-zeitung.de/lokales/hochtaunus/usinger-land/Ein-Herzenswunsch-geht-fuer-todkranken-Uwe-Ernsberger-in-Erfuellung;art48706,2723417



Quelle: www.taunus-zeitung.de, Text: Tatjana Seibt, Foto: