Musik begleitet die letzte Wegstrecke

Niederreifenberg

Vieles ist schon geschrieben worden, was in der Arche Noah, dem stationären Hospiz zur Begleitung Sterbender, für die Bewohner des Hauses getan wird. Neu hinzu gekommen ist die Komponente der Musiktherapie. Verantwortlich für das neue Angebot ist Heike Kremer aus Westerfeld, die im September vergangenen Jahres ihr berufsbegleitendes Aufbaustudium über sechs Semester an der Fachhochschule Frankfurt mit einem Colloquium (Examensarbeit) abgeschlossen hat und seitdem den Titel «Heilpraktiker für Psychotherapie» führen darf.

Die examinierte Krankenschwester arbeitet auf Honorarbasis und besucht außer dem Hospiz in Niederreifenberg das Haus Louise in Bad Homburg sowie die gerontopsychiatrische Tagesklinik (Geta) in Wehrheim-Obernhain, die auf Demenzkranke spezialisiert ist. Der Dienstagnachmittag ist von 15 bis 17 Uhr für das Hospiz Arche Noah reserviert. Cornelia Ott, die Leiterin des Hauses, ist dankbar für diese Art der Betreuung: «Wir sind froh, dass Frau Kremer zu uns kommt. Wir arbeiten normalerweise sehr viel mit ehrenamtlichen Kräften zusammen, aber für die Musiktherapie ist es wichtig, dass eine professionelle Kraft kommt. Das erweitert unser Angebot und diese Arbeit wird gerne angenommen.»

Heike Kremer selbst kommt immer mit mehreren Instrumenten in das Hospiz, nutzt bei Gelegenheit auch die Möglichkeit, gleich mit mehreren Bewohnern gemeinsam im schönen, sonnendurchfluteten Wintergarten des Hospizes zu singen, doch ihr Schwerpunkt liegt auf der Einzelarbeit. Sie sagt: «Mir ist es ein Anliegen, dass meine Besuche in einem privaten Rahmen stattfinden. Mein Ziel ist es, stets nur das zu machen, was der Kranke denn auch will. Es ist ja ein Begleiten; das Gehen einer letzten Wegstrecke im Hospiz.»

Heike Kremer bringt für ihre Besuche leicht spielbare Instrumente mit, die Stimmungen transportieren, aber auch auslösen können – auch dann, wenn sich der Kranke verbal nicht mehr ausdrücken kann. Etwa eine Monochord-Kantele. Sie orientiert sich am finnischen Nationalinstrument, wird ähnlich einer Zither gezupft und dabei auf dem Schoß oder auf einem kleinen Tisch liegend mit den Fingern gespielt. Sphärische Klänge entstehen, und auf das Bett gelegt, ganz nah an den Kranken heran, können sich die Obertöne der auf D gestimmten Saiten auf den Menschen übertragen.

Aber auch in Kombination mit einer Erzählung wirkt dieses Instrument. Heike Kremer zupft die Saiten und lädt dann zu einer Fantasiereise ein. Sie malt dabei mit Worten das Bild, etwa eines Waldes, einer Lichtung aus, beschreibt die Rinden der Bäume, mal glatt, mal rau und gibt ihrem Kranken dann Zeit zu einer Reise in eigene Bilder, in Erinnerungen. Bei den Schritten vom großen Bild – dem Wald – bis hin zu den Details – der Rinde – hat die Musiktherapeutin die Kantele gegen eine Klangschale ausgetauscht, die sie auf ihrem Schoß hält. Sie setzt Pausen zwischen den einzelnen Bildbeschreibungen, welche sie durch einen hellen oder einen dunklen Ton aus der Klangschale akustisch markiert. Derweil wandern die Gedanken.

Die Klangmeditation soll Assoziationen zu früheren Begebenheiten im Leben des jeweiligen Menschen wecken. «Es wird etwas ausgelöst, die Emotionalität des Hospiz-Bewohners angesprochen.» Bei der kranken Frau, die Heike Kremer an diesem Nachmittag besucht, weckt die Meditation sehr schöne Erinnerungen. Sie sieht sich auf einer Waldlichtung und rastet: «Ich kann sogar die Vöglein zwitschern hören. Innerlich könnte ich jauchzen, so schön ist es. Ich nehme wahrhaftig etwas mit. Es sind besondere Bilder, auf die ich mich konzentrieren kann», erzählt sie. Die Musiktherapeutin freut sich über diesen Erfolg, hat allerdings auch schon andere Reaktionen erlebt: «Ich bin auch schon abgelehnt worden, das muss ich akzeptieren. Doch ich werde immer wieder bei den Patienten herein schauen und ihnen mein Angebot machen.»

Quelle: Taunus-Zeitung vom 21.09.2005, Jürgen Schnegelsberg