Trauercafé im katholischen Gemeindehaus

Den Schmerz der anderen mit aushalten

Einmal im Monat leitet Tatjana Keller das Trauercafé im katholischen Gemeindehaus. Ein Angebot, von dem nicht nur trauernde Menschen profitieren.  

Einfach da sein, den Schmerz der anderen mit aushalten. Das sei das, was ihre Arbeit ausmache, sagt Tatjana Keller. Die Anspacherin ist ehrenamtliche Trauerbegleiterin und leitet seit Februar das Trauercafé im Gemeindehaus St. Marien – ein gemeinsames Angebot von Hospizverein Arche Noah und katholischer Kirchengemeinde St. Franziskus und Klara.

Tatjana Keller kommt eigentlich aus einer ganz anderen Ecke. Sie arbeitet in Teilzeit als Personalreferentin, hat eine kaufmännische Ausbildung gemacht und zwei Töchter bekommen – heute 7 und 14 Jahre alt. 2013 entschied sie sich, eine Ausbildung zur Hospizhelferin beim Ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst Frankfurt zu machen.

Warum? Es fällt ihr zunächst gar nicht so leicht, darauf eine Antwort zu geben. Doch ein paar Anknüpfungspunkte hat es in ihrem Leben durchaus gegeben. Da war zum Beispiel ein schwerer Unfall im Alter von 16 Jahren, der durchaus auch anders hätte ausgehen können. Oder der Selbstmord eines Freundes. Beides Vorfälle, die sie zu der gemacht haben, die sie heute ist, wie sie sagt. „Ich habe beide Male nicht die Augen vor dem Geschehenen verschlossen, sondern mich damit auseinandergesetzt.“

Auch trauernden Menschen darf man nicht aus dem Weg gehen, findet Tatjana Keller, die für Freunde in schweren Trauerfällen immer da gewesen ist, ihnen zugehört hat. Offenbar liegt ihr das, sagt sie. Und: „Eigentlich kann man nur wenig falsch machen.“

Nach ihrer Ausbildung zur Hospizhelfern hat Tatjana Keller zunächst die ambulante Arbeit in Frankfurt weiter unterstützt, später dann Kontakt zum Hospiz in Niederreifenberg aufgenommen und dort ebenfalls Familien betreut. Sie hat sowohl Angehörigen als auch Sterbenden geholfen, sich in ihre Situation eingefunden und mit ihnen gesprochen. Manchmal ist sie auch einfach nur mal für sie einkaufen gegangen.

Im Hospiz Arche Noah gab man ihr schließlich die Möglichkeit, sich an sechs Wochenenden zur Trauerbegleiterin ausbilden zu lassen. „Ich habe mich gefreut, dass man mir das zutraut“, erzählt sie und berichtet von der Schulung in der Hospiz- und Palliativ-Akademie in Wetzlar, bei der sie nicht nur das Handwerkszeug bekommen und erfahren hat, wie man eine Gruppe zum Sprechen bringt. Dort hat sie sich auch intensiv mit dem Thema Trauer auseinandergesetzt und dabei viel über sich selbst erfahren. Unvermeidlich dabei auch die Beschäftigung mit der Frage: Was passiert eigentlich, wenn ich mal gehe? „Man kommt dabei ganz nah an sich heran“, sagt Tatjana Keller.

Der Umgang mit dem Tod und dem Sterben sei durch die Schulung und die Arbeit im Trauercafé nicht unbedingt leichter geworden, sagt die 38-Jährige, sie gehe inzwischen aber anders an die Themen heran. „Ängste bestehen weiter, aber ich habe einen anderen Blick auf das Leben.“ Sie genieße mehr und frage sich, was wirklich wichtig ist. „Natürlich kann ich mich auch weiter über Kleinigkeiten aufregen, tue dies aber entspannter“, sagt sie lachend.

Wer sich mit Tatjana Keller unterhält, versteht sofort, dass sich die Menschen ihr gegenüber öffnen. Sie ist sehr freundlich, sympathisch, offen. Und so werden es von Termin zu Termin nicht nur immer mehr Teilnehmer, manche kommen auch immer wieder. Inzwischen besuchen jeweils so um die zehn Personen das monatliche Trauercafé, meist sind ein bis zwei neue Gesichter darunter. Seinen Namen nennt nur, wer das möchte, und genauso unverbindlich ist auch die Teilnahme.

Tatjana Keller geht übrigens immer nach dem gleichen Schema vor. „Ich beginne mit einem Lied oder Text“, berichtet sie – Kaffee, Tee und Dekoration sind dann bereits vorbereitet. Anschließend gibt sie der Gruppe die Möglichkeit zu erzählen. Sie moderiert dann nur noch. „Ich muss nur warten, dass die Teilnehmer sich öffnen.“ Wer neu ist, berichtet meist im Detail, wer schon häufiger dabei war, erzählt, wo er sich auf seinem Weg der Trauer befindet. „Es fließt“, beschreibt Tatjana Keller den Verlauf der eineinhalb Stunden. Ähnlich verhält es sich auch mit der Trauer, auch die muss man fließen lassen, wie sie weiß. Weinen ist dabei wichtig, denn „dann kommt alles raus“.

Es gibt aber auch Betroffene, für die die Gespräche zu aufwühlend sind, die sich in der Gruppe nicht wohlfühlen oder sich dieser nicht öffnen möchten. Deshalb bietet die Trauerbegleiterin auch Einzelgespräche beispielsweise bei einem Spaziergang an. Überhaupt investiert sie viel Zeit über die eigentliche Arbeit im Trauercafé hinaus. Denkt auch anschließend noch über die Menschen nach.

Die Schicksale gehen Tatjana Keller natürlich auch nahe, sie hat aber gelernt, damit umzugehen und einzelne Fälle nicht zu nahe an sich heranzulassen. „Ich muss ja danach wieder in mein eigenes Leben zurückgehen und den Alltag meistern.“ Das Trauercafé hilft aber nicht nur trauernden Menschen, mit ihrem Schmerz klarzukommen, es hilft auch ihr. „Ich bekomme sehr viel geschenkt“, sagt sie. Seien es nun die Erfahrungen der anderen oder die Gespräche über philosophische Themen, von denen sie profitiere. „Obwohl ich immer schwere Geschichten höre, gehe ich anschließend froh raus.“


Den Original-Artikel finden Sie unter:
http://www.taunus-zeitung.de/lokales/hochtaunus/usinger-land/Den-Schmerz-der-anderen-mit-aushalten;art48706,2244744



Quelle: www.taunus-zeitung.de, Text: Anja Petter