Jemand muss die Wäsche aufhängen (Dennoch leben X)
Jemand muss die Wäsche aufhängen
DENNOCH LEBEN (X) von Aurelia Spendel OP

    Was soll denn das? Da hängt eine Frau Wäsche auf.     Es geschieht an einem ganz normalen Tag, es             geschieht wie immer. Aber da ist diese Mauer! Nimmt     die Frau dieses Ungetüm aus Beton denn nicht             wahr? Dieses Monstrum?
    Dieses Feuerzeichen von Angst, Abgrenzung, Hass?     Wie kann jemand Wäsche aufhängen angesichts         einer solchen Katastrophe? Eine Mauer durch Israel,     durch das Land der Palästinenserinnen und                 Palästinenser, eine Mauer des Todes.



Die Antwort ist einfach: Jemand muss die Wäsche aufhängen! Hosen und Hemden, Decken und Tücher, sie werden nun einmal schmutzig, wenn eine grosse Familie ihren Alltag lebt. Da hilft kein Weinen und jammern, der Alltag fordert sein Recht. Er hat sein eigenes Gesetz.

Millionen von Menschen geht es genauso: Eine Katastrophe, eine lähmende Wand, eine unüberwindliche Grenze lauern nicht mehr nur im Hintergrund, sie sind greifbar und bestimmend Wirklichkeit geworden. Und doch: jemand muss die Wäsche aufhängen, heute, jetzt, hier.

Vielleicht besteht der Sieg des Lebens über den Tod in solch banalen Handgriffen, in der Demut des Alltäglichen, in dem unausrottbaren Wissen um den nächsten Tag, der kommen wird und der eine eigene, neue Chance mit sich bringen wird.

Hoffnung gegen alle Hoffnung sieht manchmal so klein aus, so scheinbar nichts sagend, so hilflos und so selbstverständlich: jemand muss die Wäsche aufhängen.

Aurelia Spendel OP