Ein Märchen vom Regenwald (Dennoch leben XV)
Ein Märchen vom Regenwald
DENNOCH LEBEN (XV) von Aurelia Spendel OP

    Es war einmal ein wunderschön grüner             Regenwald voller Wunder und Geheimnisse.     Er barg Tod und Leben, Werden und                 Vergehen, Gestern und Morgen, alles, was         an Farben und Formen, an Gift und                 Schönheit nur denkbar ist. Er war ein             Traumregenwald und duftete in Erinnerung     an das Paradies.
    Droben im Himmel saßen die Engel zu Rate         und sagten:
    »Lasst uns den Regenwald abholzen. Die         Menschen brauchen Raum für ihre Gier. Wie     sollen sie leben, ohne noch reicher zu             werden, ohne die Natur auszubeuten, ohne

ihrer Zerstörungswut neue Nahrung verschaffen zu können?« »Was?!«, rief ihnen da der Teufel aus seiner Hölle zu, »den Regenwald abholzen? Seid ihr verrückt geworden? Ihr zerstört die Erde. Ihr nehmt ihr die Luft zum Atmen. Was soll der Wahnsinn?«
»Das musst du einsehen«, erwiderten die Engel, »die Menschen sind nun einmal schlecht. Sie ändern sich nicht. Schon immer haben sie umgebracht, was ihnen Leben gab. Sie können nicht anders. Sie müssen alles zerschlagen.«

»Eben nicht«, heulte der Teufel auf, »eben nicht! Das ist doch mein Problem! Sie können doch anders. Heilen und bewähren, aufbauen und aussäen, Geduld haben und Liebe zu allem, was lebt. Das ist es doch! Wären sie nur so, wie ihr sagt, dann säßen sie alle hier und ich hätte endlich etwas zu tun! Aber nein, sie sitzen auf den Bäumen und bewachen sie. Sie sorgen sich um die Natur und sammeln Genmaterial für ihre Datenbanken. Sie wehren sich gegen den Tod und haben dabei auch noch IHN auf ihrer Seite.«
Die Engel waren verblüfft und so muss unsere Geschichte eine Pause einlegen. Und wenn niemand aus dieser Geschichte gestorben ist, dann lebt der Regenwald noch heute.

Aurelia Spendel OP