Das Thema Sterben aus der Tabuzone holen
PFLEGE-TALK Quintessenz aus den Interviews mit Helgard Kündiger und Ingrid Ollendiek

Unter der Schirmherrschaft von Bürgermeister Steffen Wernard geht am Donnerstag, 16. April, der von Katharina Distler vom Sanitätshaus Schäfer und der freien Versicherungsmaklerin Annett Fröhlich-Rehnert ins Leben gerufene Usinger Pflege-Talk in die zweite Runde.

Ein Schwerpunkt ist dieses Mal die hospizliche Versorgung. Dazu sind als Referenten Helgard Kündiger, die Mitbegründerin des ambulanten Bad Homburger Hospizdienstes, der auch für das Usinger Land zuständig ist, und Ingrid Ollendiek, Heim- und Pflegedienstleiterin des stationären Hospizes Arche Noah, zu Gast. Ollendiek wird die verschiedenen Hospize im Kreisgebiet vorstellen und erläutern, was genau ein Hospiz ist, wer dort aufgenommen werden kann, wie die Versorgung der Patienten dort aussieht und wie sich der Alltag gestaltet.

Kündiger indessen, die ausgebildete Seelsorgerin ist, wird, ausgehend von der Hospizbewegung als bürgerschaftlicher Basisbewegung, darauf eingehen, welche Aufgaben und Ziele die ambulanten Hospizhelfer/innen wahrnehmen. Abhängig von den Wünschen und Bedürfnissen der Menschen, die betreut werden, sei dies sehr unterschiedlich. Ziel sei es, dass sie möglichst bis zuletzt in ihrer vertrauten Umgebung leben können. Deutlich machen möchte Kündiger, dass die Beschäftigung mit den Themen Sterben und Tod nichts Fürchterliches ist, sondern zum menschlichen Leben dazugehört. Warum also sollte man nicht seine eigenen Überlegungen und Ängste dazu mitteilen? „Die Hospizarbeit möchte das Thema Sterben aus der Tabuzone holen, ohne ihm die gebotene Tiefe und Ernsthaftigkeit zu nehmen“, betont sie.

Man mag sich fragen, woher die Menschen, die in der Hospizarbeit tätig sind – egal, ob ehrenamtlich oder professionell – die Kraft für ihre Tätigkeit nehmen, bei der sie im Grunde Tag für Tag mit dem Tod der Menschen rechnen müssen, die sie gerade betreuen. Kündiger berichtet, dass sie die Erfahrungen, die sie an jedem einzelnen Sterbebett macht, als bereichernd für sich selbst empfindet. Durchschnittlich begleite sie die Kranken zwischen drei und sechs Monaten. Im stationären Hospiz ist dieser Zeitraum kürzer, Ingrid Ollendieck spricht von etwa 15 Tagen. Sie bezieht ihre Motivation aus Gesprächen und Rückmeldungen seitens der Patienten und ihrer Angehörigen. „Es ist sehr berührend und tief ergreifend zu spüren und zu hören, dass unsere sozial-pflegerischen und medizinischen Angebote für den letzten Lebensweg der Betroffenen so wertvoll sind“, sagt sie, und: „Es ist motivierend, einen Abschied zu erleben, der für die Betroffenen als auch für die Angehörigen friedlich und im Einklang verlaufen ist.“ Eine hohe Empathie, Professionalität sowie Fachwissen im pflegerischen, medizinischen und psychosozialen Bereich kennzeichnen ihr Team. Schwerstkranke, die von Gefühlen wie Angst oder Hoffnungslosigkeit gequält werden, werden damit nicht alleine gelassen. Gespräche oder auch gemeinsames Schweigen, das Mitertragen sei für die Betroffenen wichtig, damit sie es nicht alleine aushalten müssen. Ein großer Fortschritt sei, dass Schmerzen durch die heutigen Therapiemöglichkeiten individuell weitgehend im Erträglichen gehalten werden könnten.

Kein Leitfaden

Jeder Mensch „lebt und stirbt einmalig“, erläutert Helgard Kündiger. Einen Leitfaden, „wie Sterben geht“, gebe es nicht. Auch für sie ist es das Wichtigste, den Patienten zur Seite zu stehen, gemeinsam ihre Not auszuhalten und gleichzeitig die eigenen Möglichkeiten und Grenzen zu achten. Existentielle Ängste könne man weder schönreden noch wegdiskutieren und die Kranken erwarteten im Grunde auch keine Antworten oder Lösungen, sie spürten jedoch, ob die Haltung ihres Gegenübers echt und die Zuwendung aufrichtig sei.


Den Original-Artikel finden Sie unter:
http://www.usinger-anzeiger.de/lokales/usingen/das-thema-sterben-aus-der-tabuzone-holen_15168812.htm



Quelle: www.usinger-anzeiger.de, Text: (cu)