Genieße das Geschenk des Lebens
Schattenseiten (VI) von Pierre Stutz

Wenn ich meine Sehnsucht nicht ernst nehme und kultiviere, dann wächst die Gefahr, in der Sucht stecken zu bleiben. Wir leben in einer hoch süchtigen Gesellschaft, in der unsere Sehnsucht nach Anerkennung, nach Zuwendung, nach Verwandlung und nach Beheimatung oft durch ein Konsum- überangebot pervertiert wird.
Menschliches Dasein bewegt sich immer in der Spannung von Haben und Sein.

Der große Mystiker Meister Eckhart (1260 bis 1327) entfaltet seine ganze Mystik des Loslassens in diesem Spannungsbogen. Er hat den

Psychoanalytiker und Sozialphilosophen Erich Fromm in seinem Spätwerk “Haben oder Sein” zu felgenden Worten inspiriert: “Laut Eckhart ist unser Ziel als Menschen, uns aus den Fesseln der Ichbindung und der Egozentrik, das heißt des Habenmodus, zu befreien, um zum vollen Sein zu gelangen. Sein ist Leben, Aktivität, Geburt, Erneuerung, Ausfließen, Verströmen, Produktivität...”

Vermehrt aus dem Sein, aus dem schöpferischen Grund Gottes zu leben, heißt weder Passivität noch Rückzug aus dieser Welt. Es bedeutet auch nicht, all das Schöne und Lustvolle “zu verteufeln”, sondern im Gegenteil intensiver als Geschenk Gottes anzunehmen un zu genießen.

Darum plädiere ich für eine neue spirituelle Kultur des Genießens, in der wir miteinander entdecken, dass weniger viel mehr ist. Sucht bedeutet ja, immer mehr und immer schneller, um paradoxerweise immer weniger lang genießen zu können. Im Einüben eines einfachen Lebensstils, im langsameren Essen und Trinken, im staunenden Vertiefen von gelungenen Erfahrungen können wir entdecken, dass unsere Seele nicht noch mehr haben will, sondern dass sie mehr sein möchte. Darum sagt Meister Eckhart, der nebst der Stille sein Leben in höchster Aktivität verbracht hat: “Die entscheidende Frage im Leben ist nicht, was ich tue, sondern wer ich bin.”

Pierre Stutz