Ordne dein Leben in Freiheit
Werde wesentlicher (II) von Pierre Stutz

Ein Fischer, so erzählt eine Geschichte aus irgendeinem Land dieser Welt, fährt täglich frühmorgens auf den See, um seinen Lebensunterhalt für seine siebenköpfige Familie zu verdienen. Ein Unternehmer, der auch in seinem Urlaub Frühaufsteher ist, beobachtet den Fischer und ist beeindruckt von dessen ruhiger Art. Erstaunt ist er auch, dass der Fischer jeden Nachmittag nach seiner Arbeit mit seinen Kindern spielt.



Nach einigen Tagen kommt er mit ihm ins Gespräch und unterbreitet ihm eine Fülle von Vorschlägen, wie er sein Geschäft ausbauen könnte. Der Unternehmer wäre bereit, ihn finanziell zu unterstützen, damit er mehrere Boote kaufen, Mitarbeiter einstellen und seine Fische sogar exportieren könnte. So garantiert er ihm in zehn Jahren nach intensivem Einsatz ein höchst erfolgreiches Geschäft.

Der Fischer hört ihm interessiert zu, schweigt lange und fragt ihn dann, was ihm dieser Riesenaufwand bringen würde.

"Sie hätten viel mehr Freiraum und müssten dann selber gar nicht mehr arbeiten. Sie könnten frühmorgens privat zum Fischen gehen und hätten danach Zeit, um mit den Kindern zu spielen!", sagt der Unternehmer. Erstaunt antwortet ihm der Fischer: "Das mache ich doch jetzt schon. Ich gehe frühmorgens fischen und danach habe ich viel Zeit für meine Familie. Warum soll ich während zehn Jahren diese Lebensqualität aufgeben, um sie dann scheinbar wieder zu erhalten?"

Eine wunderbare Geschichte! Sie ermutigt mich, die befreiende Kraft der Fastenzeit zu kultivieren. Dabei geht es nicht um einen welt- und leibfeindlichen Kampf gegen meine Bedürfnisse, sondern um eine tiefere Sicht der Wirklichkeit, die mich zum Wesentlichen, zu mehr Lebensqualität führt.

Darum ist es immer wieder sinnvoll, mein Leben zu ordnen, um auch im Austausch mit anderen zu erkennen, was wir wirklich brauchen zum Leben und wo wir Sklaven des Konsums und einer Mentalität des Habens geworden sind. Die verschiedenen Fastenaktionen helfen uns dabei und zeigen uns auch politische Zusammenhänge auf. So erfahren wir die beglückende Kraft des Teilens, die uns Menschen auf der ganzen Welt näher bringt.

Denn wir sind alle in einem Boot.




Quelle: Sonntagsblatt, Artikel von Pierre Stutz