Gebrauche die Gegensätze
Augen-Blick (2) von Pierre Stutz


Mein Spaziergang durch die Kälte wird zu einem besonderen Erlebnis. Mein Atem wird endlich sichtbar und ich kann »sehen«, wie Gott atmet in allem, was lebt. Das Gehen in der Kälte regeneriert und wie so oft im Leben merke ich erst im Nachhinein, wie wohltuend auch eine Anstrengung sein kann. Zu Hause angekommen, nehme ich die Wärme intensiver wahr und mein Körper fühlt sich wie neu geboren. Ich schlafe tiefer und besser.

Auch unser Leib braucht Gegensätze, um gesund zu bleiben. Die Kneipp-Therapie zeigt uns, wie mit kaltem und warmem Wasser über

die Haut Temperaturreize vermittelt werden, die im Körper positive Reaktionen auslösen. So werden die Abwehrkräfte gestärkt, Kreislauf und Nervensystem werden angeregt. Dank der Sauna lernen wir, wie wir uns schützen können, wenn wir nicht nur die Wärme, sondern auch die Kälte in unser Leben integrieren.

In diesem scheinbaren Widerspruch liegt auch eine Spur zu Beziehungssituationen, in denen vieles wie erstarrt und eingefroren scheint. Dadurch kann offensichtlich werden, wie wir uns an eine kühle Distanziertheit gewöhnt haben oder wie viele Themen sozusagen aufs Eis gelegt worden sind. Sobald wir uns dessen bewusst sind, kann eine neue Beziehungsqualität im Spannungsfeld von Nähe und Distanz entstehen.

Wenn eine Sache, ein Thema bewusst aufs Eis gelegt wird, dann halten wir es damit »frisch«, damit es später mit mehr Distanz und neuer Intensität angegangen werden kann. Von dieser Lebensweisheit erzählt schon das biblische Buch
Kohelet 3, 1: „Alles hat seine Zeit.”

Pierre Stutz