Wach auf meine Kehle!

Augen-Blick (8) von Pierre Stutz

Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben. Werden und sterben ist das Grundgeheimnis unseres Daseins. Je mehr wir diese Lebensweisheit verinnerlichen, umso intensiver werden wir jede Sekunde unserer Existenz voll Dankbarkeit als Geschenk annehmen.

Die anbrechende Fastenzeit will uns erneut auf den wirklichen Geschmack des Lebens bringen.
»Was bleibt angesichts der Totenschädel, angesichts der Asche?«, fragen wir uns. Die Antwort heißt: Sehr viel!

Die Liebe bleibt. Auch wenn die Form vergänglich ist, so kann uns die göttliche Substanz nie genommen werden.

Hält darum der eine junge auf unserem Foto seinen Zeigefinger an seine Kehle?
Im Hebräischen ist die atmende Kehle der Knotenpunkt des Lebens und Symbol der Person. Das Wort »näfäsch« heißt nicht nur »Seele«, sondern vom Ursprung her »Kehle«. Das Abstrakt-Bedeutungsvolle zeigt sich im Hebräischen immer im Konkret-Körperlichen. In unseren Psalmübersetzungen sollte es daher nicht nur heißen:
»Wach auf, meine Seele!« (Psalm 108,2), sondern auch: »Wach auf, meine Kehle!« Schaffe immer wieder Raum für deine Seele, auch im Ringen nach Worten des Lebens angesichts des Sterbens.

Pierre Stutz