Werde im Teilen glücklich

Augen-Blick (9) von Pierre Stutz

- du bist seit vielen Jahren auf der Straße und bettelst.
Manchmal nehme ich dich bewusst wahr. Manchmal gehe ich auf die andere Straßenseite, um dir auszuweichen.
Du stehst nicht nur für dich da, sondern für die große Ungerechtigkeit auf der Welt, mit der ich mich nie abfinden werde. Darum ist es mir unwohl, sowohl wenn ich dir nichts gebe, als auch wenn ich dir etwas gebe. In beiden Gesten bin ich konfrontiert mit dem Unterschied zwischen Arm und Reich. Nur manchmal, wenn ich dir beim Geben auch tief in die Augen schaue, dann erinnere ich mich an die Rose, die Rainer Maria Rilke einer Bettlerin in Paris gegeben hat. Davon konnte sie einige Tage leben, wie er erzählte.

Darum will ich nicht nur Almosen spenden, sondern Anteil nehmen an der Not und deiner Lebensart, mit all meiner Begrenztheit. Dabei erneuere ich meine Einsicht, dass wir alle viel mehr tun können, als wir meinen. Als Zwanzigjähriger habe ich gelernt, dass ich mit 1000 Schweizer Franken ein Haus bauen lassen kann in Indien. Seither habe ich viele Häuser bauen lassen und mit vielen Patenschaften Kindern und Jugendlichen eine Ausbildung ermöglicht. Unmögliches wird möglich! Leider sind wir noch viel zu wenige, die vertrauen, dass uns im Teilen wahres Glück geschenkt wird.
Möge dein offener Blick, dein offener Mund und deine offene Hand dich und uns zu diesem Glück bewegen. So gestalten wir mit an einer Globalisierung der Gerechtigkeit.  

Pierre Stutz