In der letzten Raststätte vor der Ewigkeit...

... geben sich Leben und Tod die Hand und es kann dabei nach Kuchen riechen: Ein Besuch
im stationären Hospiz Arche Noah in Niederreifenberg.

Mitten im Leben ist auch der Tod, heißt es. Mitten im Tod ist aber auch das Leben. Und mitten
in Niederreifenberg liegt seit fünf Jahren die "Arche Noah" vor Anker und heißt Leben und Tod gleichermaßen willkommen. An einem heißen Sommertag trete ich durch die Tür in die, wie
ich denke, letzte Raststätte vor der Ewigkeit. Angesichts des Themas werden die Assoziationen
und Gedanken eigentümlich tief - nicht immer zu Recht, denn auch hinter den Hospizmauern
herrscht oft normaler und auch heiterer Alltag - und es riecht nach Kuchen. Direkt an der
Hauptstraße des Ortes gelegen, auf den ersten Blick eher unscheinbar, öffnet das Hospiz die
Pforten für diejenigen, deren Lebensuhr fast abgelaufen ist, die im Krankenhaus
"austherapiert" wurden - meist mit der Diagnose "Krebs im Endstadium". Gedanken an eine Art Krankenhaus mit gebohnerten Böden, weißen Fluren und grünen Türen, verbunden durch den durchdringenden Geruch von Desinfektionsmitteln verfliegen schnell - auch angesichts des
renovierten Altbautreppenhauses, das in freundlichen Orange-Ockertönen gehalten ist.
Cornelia Ott, die Leiterin des stationären Hospizes Arche Noah, wie es korrekt heißt, erwartet
mich in einem Angehörigenzimmer im zweiten Stock. Hier können Begleiter der Patienten ihr
Quartier beziehen, um im Falle eines Falles dem Sterbenden in seinen letzten Stunden
beizustehen.
Die 49-Jährige mit den wachen Augen wirkt nicht so, als ob sie die Last des Todes auf ihren
Schultern trägt. "Wir sind ein lebendiges und fröhliches Haus", sagt sie "Hier wird gelebt bis zu
guter Letzt." Aber zu guter Letzt kommt eben der Tod, ob im Hospiz, zu Hause oder im
Krankenhaus. Aber im Hospiz kann durchaus auch noch einmal das Leben zurückkommen:
90 Prozent der Patienten kommen mit der Diagnose Krebs in die Arche Noah. "Wir haben
Patienten, die kommen und sterben schnell, viele leben aber noch einmal auf. Eine alte Dame
sei schon ein halbes Jahr hier. Das ist aber die absolute Ausnahme", stellt Ott klar. Und auch
der Wunsch nach der "Tablette", nach dem schnellen Ende, werde manchmal geäußert, aber
das werde stets abgelehnt. "Wir gehen den Weg gemeinsam."
"Hier wird gelebt, bis zu guter Letzt."Cornelia Ott, HospizleiterinDer Weg beginnt meist im
Krankenhaus. Die meisten Bewohner des Hospizes - eines von insgesamt neun in Hessen
und das einzige im Hochtaunuskreis - kommen aus Kliniken. Die Übrigen wurden von der
Familie gepflegt. Bis das Zimmer in der Arche bezogen werden kann, müssen allerdings
bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein: Ist der betreffende Mensch chronisch krank, ohne
Chance auf Heilung, besteht nur noch eine Lebenserwartung von Wochen oder Monaten und
ist eine Schmerztherapie notwendig, dann öffnen sich die Türen zur letzten Rast. Aber auch die
muss bezahlt werden: Die Krankenkasse muss den Aufenthalt genehmigen, trägt dann aber
mit der Pflegekasse den Großteil der Kosten. Der Hospizverein übernimmt als Träger 20
Prozent der laufenden Kosten, die auf immerhin 8000 bis 12 000 Euro pro Monat anwachsen
können. Jeder Bewohner unabhängig von seinem Pflegetarif zahlt einen Eigenanteil von
25,80 Euro pro Tag. Der Trägerverein ist also auf Spenden dringend angewiesen. Aber Ott
beruhigt: Niemand werde wegen fehlender Mittel abgewiesen. 22 Mitarbeiter kümmern sich um
das Wohl der Patienten, davon 15 in der Pflege, vier im Bereich der Hauswirtschaft, zwei
Verwaltungskräfte und der Hausmeister. Außerdem verstärken ehrenamtliche Hospizhelfer das
Team.
Erste Tage... Vor dem Angehörigenzimmer wartet Margarete Müller*. Sie teilt der Hospizleiterin
mit, dass sie kurz spazieren gehen will. Sie hat vor zwei Tagen ihren Mann gebracht. Beide
kommen aus Hofheim im Taunus. "Lungenkrebs im Endstadium", sagt sie, und ihre Stimme
zittert. Wenn sie über das Hospiz spricht, entspannen sich ihre Gesichtszüge: "Das ist hier wie
in einer liebevollen, gut geführten Pension". Sie ist seit 46 Jahren mit ihrem Mann verheiratet. "Ich
bin jetzt nachts da, wenn er ruft", sagt sie und ist froh, dass sie im Zimmer ihres Mannes
übernachten kann. Sie wirkt gefasst, aber die Nachricht von der Krebserkrankung traf sie wie ein überraschender Schwinger in die Magengrube. Noch im April hatten beide davon nichts geahnt.
Ihr Mann ist Dialysepatient. "Wir waren in Heidelberg, ich wollte ihm eine Niere spenden. Dann
bekam er Reizhusten..." Ihre Stimme stockt, entspannt sich aber gleich wieder: "Er ist wieder
aufgeblüht und ich möchte ihn nicht alleine lassen", sagt die alte Dame. "Mein Mann würde im
September 73 Jahre alt werden", erklärt sie - fast schon im Rückblick. Ihre Stimme zittert wieder.
Er wisse nicht, dass das hier ein Hospiz ist, sagt sie. Sie habe vorher auch nicht gewusst, was
das sei, ein Hospiz. Jetzt weiß sie es. "Hier gibt es Lebensqualität", findet Frau Müller* bevor sie
an die frische Luft geht. Tod und Leben liegen hier dicht beieinander.
Das Durchschnittsalter der Patienten liegt bei 72 Jahren. Es gibt aber auch jüngere Bewohner:
Gestern sei ein Mann, Jahrgang 1952 verstorben, kurz davor ist eine junge Frau mit 42 Jahren.
"Das Sterben wird zugelassen", sagt Leiterin Ott. Das klingt leicht gesagt, aber es gehört im
Hospiz auch viel Leben dazu, um den Tod und das Sterben zuzulassen. Im Mittelpunkt steht
dabei die Aufmerksamkeit. "Wir bieten Bewegungsarbeit, Aromatherapie, Musiktherapie und
Massagen an", zählt Cornelia Ott auf und fügt noch "Biografiearbeit" an: Am Lebensende brechen
oft alte Familienkonflikte wieder auf. Manche wollen vor ihrem Tod noch Dinge ins Reine bringen.
Auch da unterstützt sie das Hospizteam. Und wenn das letzte Stündlein geschlagen hat, wird
auch die Seelsorge immer wichtiger. Evangelische und katholische Geistliche stehen bereit, den Sterbenden zu begleiten aber in Niederreifenberg lässt man auch andere Riten zu: "Wir hatte
auch schon einen türkischen Patienten, der von einem Hodscha begleitet wurde und der nach
seinem Tod nur noch von den männlichen Freunden und Angehörigen berührt werden durfte."
Ott selbst ist praktizierende Christin in der evangelisch-methodistischen Kirche. "Ich habe schon
früh Erfahrungen mit Krankheit und Tod machen müssen", sagt die gelernte Krankenschwester.
Sie brauche für ihre Arbeit das Zwiegespräch mit Gott - und den Austausch mit dem Hospizteam,
denn auch sie habe mal mehr oder weniger Kraft. Und Kraft braucht man im Hospizdienst. Wenn
es hart auf hart kommt, fängt einen die Gruppe auf: "Wir nehmen uns dann auch mal in den Arm
und flennen eine Runde", bekennt sie. Bis zum letzten Atemzug soll das Leben so angenehm wie
möglich verbracht werden.
Cornelia Ott führt mich durch das Haus. Es ist ruhig - Mittagszeit. Die Türen zu den meisten der
acht Patienten-Einzelzimmern mit Telefon, Fernseher und Rufanlage sind geschlossen. Im
Erdgeschoss öffnet sich ein gemütlicher Wintergarten.
Der Kuchengeruch, der mir schon vorher aufgefallen ist, wird intensiver. Wir nähern uns der Küche
- und dort wird gebacken. "Bei uns wird so weit wie möglich auf die Wünsche der Bewohner
eingegangen - ob Kuchen oder grüne Soße mit Kartoffeln - Wünsche werden erfüllt." Auch
vermeintlich ungesunde: Alkohol, Zigaretten oder Sahnetorte sind kein Problem. Das Hospiz ist ja
kein Krankenhaus. Der Genuss gehört zum Leben dazu, und für manche auch zum Sterben. "Wer
rauchen möchte, oder einen Wein trinken will - kein Problem", versichert Ott. Und das macht ja
auch Sinn - das Hospiz, als letzte Möglichkeit, das Leben, so gut es noch geht, zu genießen.
An Bord der Arche Noah kommen auf acht Patienten zwei examinierte Pflegekräfte. Außerdem
wird das Team regelmäßig durch acht ehrenamtliche, ausgebildete Helfer unterstützt. "14 wären
ideal", findet Ott und signalisiert damit, dass man weitere ehrenamtliche Unterstützung gut
gebrauchen könne.
Ehrenamtliche Kraft Im sonnendurchfluteten Garten des Hospizes, schiebt währenddessen eine
dieser ehrenamtlichen Kräfte, Andrea Michaelis, den 88-jährigen Bruno Kowalski* in seinem
Rollstuhl durch blühende Landschaften in Richtung Pavillon. Herr Kowalski ist guter Dinge. Er
lässt sich gerne fotografieren und genießt sichtlich den aufgeblühten Garten. "58 Jahre bin ich
verheiratet gewesen", sagt er. Er kommt ursprünglich aus Gelsenkirchen. Nach dem Tod seiner
Frau zog er nach Friedrichsdorf und nun ist er hier - mit Krebs im Endstadium. Aber im Hospiz
fühlt er sich wohl. "Das ist hier alles sehr ordentlich und angenehm", findet er.
Wohl fühlt sich hier auch Andrea Michaelis. Die 46-jährige Informatikerin und Mutter von drei
Kindern hilft seit Anfang Mai im stationären Hospizdienst mit. Hinter ihr liegen eine einjährige
Ausbildung und Praktika im Altenheim und der Diakoniestation. "Das Thema hat mich schon
immer interessiert. Es ist eine anspruchsvolle, aber auch bereichernde Arbeit", findet die
Neu-Anspacherin. Einmal in der Woche arbeitet sie für vier Stunden im Hospiz. Für viele Patienten
sei es wichtig, auch mit jemandem "Neutralen" sprechen zu können, der nicht unmittelbar von der
Trauer und von Familienangelegenheiten betroffen ist, sagt sie. Aber man müsse ganz mit sich im
Reinen sein, wenn man sich mit den Facetten des Todes auseinandersetzt. Und der Tod hat auch
seine hässlichen Seiten: Ein Patient, dessen Schmerzmedikation vom Krankenhaus schlecht
eingestellt gewesen sei, habe einmal die halbe Nacht geschrieen. Auch an Sätze wie "Setz dich
mal zu ihm, das sind seine letzten Stunden", müsse man sich halt erst einmal gewöhnen.
Eingesetzt werden die ehrenamtlichen Helfer da, wo es gerade nötig ist: ob beim Küchendienst
oder bei einem Todgeweihten, um ihm beim Sterben die Hand zu halten. "Wenn die Angehörigen
kommen, ziehen wir uns aber zurück".
Michaelis erfährt aber auch immer wieder, dass vor dem Tod oft auch die Freude der
schwerstkranken Bewohner an den kleinen, aber feinen Dingen des Alltags steht: "Ein Patient,
den ich in den Garten begleitet habe, hatte sich an jeder Blume erfreut, daran gerochen und sich
gefreut. Eine Woche später ist er gestorben."
Als ich kurz darauf das Hospiz verlasse, sitzt Andrea Michaelis mit Herrn Kowalski* am Pavillon
zusammen und hält einen kurzen Nachmittagsplausch. Der Tod hat gerade Pause.

*Namen von der Redaktion geändert



Quelle: Usinger Anzeiger vom 25.07.2009